Ricardo Eizirik
Mutante–Ricardo Eizirik im Gespräch mit Alexey Munipov
Mutante wird als Hybrid Club Night präsentiert–in welchem Sinn? Ist es eher mit einem Rave vergleichbar oder eher mit einem langen, komponierten Stück, gerade weil auch Live-Musiker*innen beteiligt sind?
Es verändert mit jeder Aufführung stark seine Größe und seinen Charakter. Es ist ein komponiertes Stück mit einer rhizomatischen inneren Struktur–es wächst und schrumpft ständig in unterschiedliche Richtungen.
Wir haben einen festen Teil des Stücks und darum herum eine Art Satellitenumgebung: Gäste, die rotieren. Für ECLAT machen wir diese Hybrid-Club-Night-Version–es ist tatsächlich die Premiere des Projekts–eine Art Konzert für experimentelle Musik, das sich langsam in eine Clubnacht verwandelt.
Wir haben Gäste–DJs und Noise-Künstler*innen–die gemeinsam spielen: Tuce Alba, eine türkische Noise-Künstlerin mit Sitz in Berlin, der in Stuttgart lebende DJ Almarcito sowie DJ Theory und DJ Flave.
Sie sind alle DJs mit lateinamerikanischem Hintergrund und bringen DJ-Sets mit, die mit lateinamerikanischer elektronischer Musik arbeiten. Die Nacht wird organisch zwischen diesen unterschiedlichen Formaten wechseln und hoffentlich ein Erlebnis bieten, das der Performance selbst innewohnt.
Die Komposition und die Performance–und meine Arbeit generell–sind sehr stark auf den Körper ausgerichtet: den Körper der Performer*innen, den Körper des Publikums. Daher kommt auch das Format, denn ich glaube, dass es einen großen Unterschied in der Wahrnehmung gibt, je nachdem, ob Du Deinen Körper einbeziehst oder nicht.
Deshalb machen wir das auch in einem Club. Das verändert die Vorstellung von Zeit und von Beteiligung.
Und wie ist die Struktur des Stücks?
Seit einigen Jahren habe ich die Menge an Notation, die ich schreibe, enorm reduziert. Ich baue meine Stücke ein wenig so auf, wie Tanzstücke gebaut werden. Wir proben viel und entwickeln das Stück aus den Proben heraus. Wir erarbeiten eine Art kollektive Partitur, die innerhalb der Gruppe von Menschen Sinn ergibt.
Es ist also komponiert–wirklich komponiert. Aber es gibt immer Raum für kleine Nuancen; ich sehe sie als interpretatorische Nuancen. Ich begrüße Interpretation sehr. Und die Art, wie ich mit den Menschen spreche, mit denen ich arbeite, basiert darauf, wer sie bereits als eigenständige Künstler*innen sind.
Obwohl es sehr komponiert und sehr spezifisch ist, ist es–im Gegensatz zu den meisten notierten Musiken–nicht reproduzierbar. Diese Aufführung ist für genau diese Gruppe von Menschen. Sie kann von keiner anderen Gruppe reproduziert werden, weil das schlicht nicht möglich ist.
In diesem Sinne gibt es keine Partitur. Für eine andere Gruppe von Menschen wäre es ein komplett anderes Projekt. Teile davon lassen sich vielleicht weitergeben, andere nicht.
Du arbeitest oft mit zeitgenössischen Ensembles und bei Festivals für Neue Musik. Dieses Ereignis findet in einem Club statt–wo würdest Du es also verorten? Sollte man es eher als Ausgehabend verstehen oder als ein »Ricardo-Eizirik-Konzert«, das zufällig in einem Club stattfindet?
Diese Frage berührt genau einen Punkt, den ich machen möchte: Es ist kein Entweder-oder. Clubnächte gehören in Festivals. Sie sind Teil musikalischer Praxis. Ich bin selbst seit sehr langer Zeit DJ–und das ist ebenfalls eine Form musikalischer Praxis.
Unterschiedliche Umgebungen bringen unterschiedliche Praktiken mit sich, die jeweils andere Dinge ermöglichen. Ein klassisches Konzert zum Beispiel–sitzend in einem Saal, im Dunkeln, zuschauend und nachdenkend–ist etwas völlig anderes, als um drei Uhr morgens in einen Club zu gehen, wo alle tanzen, sich anschauen, flirten und bewegen.
Diese Arten sind nicht exklusiv; sie können inklusiv sein. Sie lassen Dich Klang auf eine bestimmte Weise erleben. Für mich sind diese Dinge komponierbar. Es sind Aspekte–genauso wie Du Dich für eine Geige oder eine E-Gitarre entscheiden kannst. Deshalb habe ich keine Antwort darauf, ob es ein Konzert oder eine Clubnacht ist–es ist beides gleichzeitig und hoffentlich mehr als nur diese beiden Dinge.
Obwohl ich der Komponist des Abends bin, gibt es die Persönlichkeiten aller Beteiligten. Ich möchte, dass jeder Handlungsspielraum hat. Ich spiele auch selbst mit. Ich mache Live-Elektronik und werde an bestimmten Stellen auch DJ-Sets spielen.
Ich sehe diese Dinge nicht als getrennt. Es ist eine schöne Lücke, die man überbrücken kann. Es gibt all diese verschiedenen Arten musikalischer Praxis, die tief in der Gesellschaft verankert sind.
Auf einer persönlichen Ebene–warst Du jemals ein Raver? Gibt es schöne Erinnerungen daran?
Ein Raver? Also im Techno-Sinn? Ich spiele selbst nicht viel Techno. Ich spiele dekonstruierte elektronische Tanzmusik aus Lateinamerika, vor allem aus Brasilien.
Natürlich mag ich auch Techno, aber für mich ist es etwas exotischer. Es ist nicht das, woraus ich künstlerisch komme. Aber ja, ich war in meinem Leben auf sehr vielen Partys.
Geht es Dir im Club mehr um das soziale Ritual oder mehr um die klangliche Seite?
Es ist immer beides. Das soziale Ritual eines klassischen Konzerts zum Beispiel möchte nicht gern auf sich selbst aufmerksam machen. Es ist ein soziales Ritual, das sich als intellektuelles Unterfangen tarnt.
Aber wir ziehen uns schick an, wir gehen hin, wir hoffen, Menschen zu treffen, zu reden, Kontakte zu knüpfen und zu netzwerken. Danach ist das Häufigste, dass man noch ausgeht und alle ihre Meinungen äußern–»Ich fand es gut«, »Ich fand es schlecht«–oder über Komponist*innen und Musiker*innen tratschen.
Es gibt eine ganze soziale Welt rund um klassische Konzerte, aber das Bewusstsein dafür ist sehr zurückhaltend. In Clubumgebungen ist der soziale Aspekt sehr explizit–und das ist eigentlich sehr schön.
Es verbirgt auch die Individualität des Publikums nicht so sehr–die Vielfalt der Menschen, die in Clubs gehen, ist Teil der Erfahrung. Du bist Dir sehr bewusst, in welchem Publikum Du Dich befindest, weil alles so offen ist. Es geht nicht nur ums Tanzen; Du tanzt mit anderen Menschen.
Ich gehe sehr gern in Konzerte. Ich sehe in beiden Umgebungen dieselben Qualitäten. Beide haben ihre eigenen Geschichten und Traditionen, die zu Material werden können, mit dem man arbeitet. Am Ende ist es eine soziale Erfahrung: Wir kommen als Gruppe unterschiedlicher Menschen zusammen, die etwas gemeinsam hören oder erleben wollen. Sonst könnte ich auch zu Hause sein und allein hören–oder mit zwei oder drei Freund*innen.
Ich bin neugierig, wie es funktioniert, wenn man beides miteinander verbindet, denn es sind auch sehr unterschiedliche Arten, sich zu verhalten–für das Publikum ebenso wie für die Musiker*innen.
Ich komme ursprünglich nicht aus der klassischen Musik. Ich komme aus dem Spielen in Bands. Bandmusik–zumindest die, die mich interessiert hat–verbinde ich mit etwas Extremerem. Sie geht in Richtung Performancekunst, weil es darum geht, eine bestimmte Aura auf die Bühne zu bringen. Wenn Du eine Band siehst–zumindest als ich Teenager war–geht es auch darum, sie zu fühlen. Eine Band macht es so, eine andere anders, selbst wenn sie denselben Song spielen. Die Bühnenpräsenz ist unterschiedlich.
Diese Dinge interessieren mich sehr–und auch in der experimentellen Musik: diese Präsenz zu haben.
Was hast Du als Teenager gespielt, genre-mäßig?
Ich habe in sehr vielen verschiedenen Bands gespielt. Ich war immer sehr neugierig. Ich bin oft in rabbit holes abgetaucht und bei extremen Varianten gelandet: extrem laute freie Improvisation, sehr schneller Metal, aber auch sehr langsamer Metal, Punk und Hardcore.
Metal und Punk waren sehr wichtig für meine musikalische Sozialisation. So bin ich auch zur experimentellen Musik gekommen–auch zur experimentellen klassischen Musik. Ich bin immer weiter in diese Richtung gegangen, weil ich herausgefordert werden wollte.
So bin ich auch zum DJing gekommen. Es ist eine wunderschöne Tätigkeit: Musik zu teilen, die man liebt. Es begann als Hobby und wurde dann professioneller, weil immer mehr Leute gefragt haben.
Für mich unterscheidet sich das nicht vom Komponieren. Ich komponiere die Musik, die ich selbst hören möchte. Oder über die Musik hinaus: Ich komponiere die Erfahrung, die ich selbst machen möchte. Ich mache Dinge, die ich selbst erleben wollen würde. DJing ist eine Form davon. Komponieren eine andere. Kuratieren eine weitere. In einer Band spielen wieder eine andere. Im Kern ist es alles dasselbe: Liebe zur Musik.
Du legst viel lateinamerikanische, dekonstruierte Underground-Musik auf–Baile Funk und darüber hinaus. Fließt das in Deine komponierte Musik ein?
Zu einer Million Prozent. Ich bin dieselbe Person, die beides macht. In mir ist das nicht getrennt.
Die elektronische Musik, die ich im Club spiele, ist sehr informell, aber mein Geschmack ist überall derselbe. Ich produziere auch Clubmusik, und das unterscheidet sich nicht vom Komponieren eines Stücks für ein Ensemble. Mein Kopf funktioniert gleich: Energie, Timing, Klangqualitäten.
Viele Deiner Kolleg*innen waren fest in der klassischen Tradition verankert. Du nicht–Du hättest komplett in die elektronische Produktion gehen können, hast Dich aber entschieden, hauptsächlich als zeitgenössischer Komponist zu arbeiten. Warum?
Ich glaube nicht, dass ich mich entschieden habe. Der Unterschied, den Du ansprichst, ist auch geografisch. Ich bin nicht in Europa oder in der sogenannten Ersten Welt aufgewachsen. Klassische Musik schließt nicht die ganze Welt ein. Sie ist geografisch ziemlich begrenzt. Das habe ich gemerkt, als ich angefangen habe, klassische Musik zu studieren: Niemand heißt Ricardo in den Musikgeschichtsbüchern. Alles passiert in derselben Region, zu der ich nicht gehöre.
Ein Großteil experimenteller notierter Musik ist sehr stark in der klassischen Musik verwurzelt. Auch wenn ich sie liebe und von ihr fasziniert bin, fühlt sie sich nicht als meine an. Deshalb war es mir wichtig, meine Wurzeln zu behalten, mein Gefühl dafür, wer ich bin–auch in einem Umfeld, in dem ich mich oft halb zugehörig, halb außenstehend fühle.
Es gab keinen Moment, in dem ich entschieden habe: Ich wähle das oder das. Ich mache die anderen Dinge weiterhin. Ich lege viel auf, ich produziere Clubmusik. Ich würde sagen, mein Hauptfeld ist experimentelle Musik–aber wichtig ist mir: experimentelle Musik, nicht »experimentelle klassische Musik«. Das ist größer. Und in der experimentellen Musik ist es kein Problem, ein Konzert in einem Club zu machen.
Ich sehe auch, dass sich Dinge verändern. Jüngere Menschen–ich sehe das bei Studierenden–haben andere musikalische Erfahrungen als ich. Es ist großartig, diese Erfahrungen zu fördern. Wenn Du viel Internet konsumierst oder in Clubs gehst oder ins Theater–womit auch immer Du verbunden bist–es ist schön, das wachsen zu lassen.
Ich hatte Glück: In meiner Jugend hatte ich Lehrer*innen, die offen waren und Experimente in jede Richtung unterstützt haben. »Denk nicht an Geschichte, denk nicht daran, wer vor Dir da war, denk nicht in Ordnungen. Du bist so? Dann mach es.« Das hat mir Sicherheit darin gegeben, wer ich bin.
Als Du in Europa zu studieren begonnen hast, wurde von Dir erwartet, ein »brasilianischer Komponist« zu sein–mit Musik, die klar brasilianisch klingt?
Solche Situationen gab es. Nicht so sehr im Studium–meine Lehrer*innen waren sehr offen–aber im Leben, ja. Ich bin auf Situationen gestoßen, in denen eine Vorstellung von Identität existiert, bevor ich mich als Person überhaupt zeigen kann.
Als ich nach Europa kam, hatte ich große Probleme mit meiner Identität. Ein Freund gab mir ein Buch mit Interviews des Künstlers Ilya Kabakov, in dem er sagte, dass in den USA oder in Europa sein Akzent bereits sehr viel über ihn aussagt, bevor die andere Person ihn überhaupt kennt. Und dass seine Arbeit darin bestehe, das zu dekonstruieren, was Akzent und Pass konstruieren. Das hat mir als Migrant sehr geholfen.
Ich bin im Reinen mit meinem Erbe. Ich bin sehr dankbar, Brasilianer zu sein. Ich mag es sehr, der zu sein, der ich bin. Und das hat viele Facetten. Ich kenne Menschen, für die »mein Erbe« oder »meine Identität« zentral wird–aber Identität ist nichts, was man wählt. Du wirst auf eine bestimmte Weise an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit geboren. Das liegt außerhalb meiner Kontrolle.
Wenn Du die Musik anderer Menschen hörst, denkst Du bewusst über ihre Herkunft nach?
Manchmal ja, manchmal nein. Manchmal sehe ich etwas und frage mich, woher die Person kommt, und schaue nach. Oft auch nicht.
Es ist keine Voraussetzung. Es ist Information. Sie kann mehr oder weniger bedeuten–so wie die Entscheidung, ein Streichquartett zu schreiben: Du kannst selbst entscheiden, wie wichtig diese Wahl ist. Nationalität ist keine Wahl, aber trotzdem–irgendwie zählt alles. Es hängt auch von meiner Stimmung ab. Manchmal mag ich etwas wegen X, Y, Z nicht. Manchmal ist es einfach: Ich mag nicht, wie es klingt oder aussieht. Oder ich mag es.
Die kurze Antwort ist: Es ist mir egal, bis es mir nicht mehr egal ist.
Apropos Definitionen: Hast Du Dich jemals als brasilianischer Komponist gesehen?
Nein. Also… ich bin es in dem Sinn, dass jede*r Komponist*in von irgendwoher kommt.
Brasilianisch-Sein wurde für mich zentraler, nachdem ich nach Europa gezogen bin, wo dieser Teil deutlicher hervortritt. In Brasilien habe ich nie darüber nachgedacht. Dort war ich einfach wie alle anderen: Wir sind alle Brasilianer*innen. Das ist nichts, worüber man nachdenkt.
Ich denke von mir als Brasilianer und ich denke von mir als Komponist. Beides zusammenzudenken ist etwas anderes. Wahrscheinlich denke ich mehr darüber nach, Brasilianer zu sein, als darüber, Komponist zu sein–obwohl ich beides bin.
Es ist lustig: Wenn Du fragst, fange ich an zu überlegen: »Denke ich wirklich von mir als brasilianischer Komponist?« Und ich weiß es nicht. Aber wenn jemand das Brasilianische wegnehmen würde… hm.
Ich denke nicht viel über meine identitären Merkmale nach. Ich bin einfach, was ich bin. Nationalität, Sexualität, Geschlecht, Religion: Ich existiere in diesen Dingen. Ich denke darüber nach, wenn sie mit der Gesellschaft kollidieren–dann wirst Du gezwungen, darüber nachzudenken. Im Alltag nehmen diese Fragen nicht viel Raum ein. Es ist eher, wenn ich damit konfrontiert werde–wie jetzt.
Zum Abschluss–warum sollten wir uns Mutante ansehen?
Hoffentlich wird es Reibung geben für unterschiedliches Publikum: für das Clubpublikum, für das Publikum experimenteller Musik. Hoffentlich auch ein gewisses Unbehagen–und neue Erfahrungen: sich hineinziehen lassen, loslassen, im Raum mit anderen Menschen existieren, sich selbst in Beziehung zu anderen und zu Klang organisieren.
Das klingt esoterisch. Vielleicht ein bisschen–aber nicht zu sehr. Kommt. Es wird Spaß machen. Es wird etwas geben, das Ihr so noch nicht gesehen habt.
Ich hoffe, etwas zu schaffen, das ich wirklich liebe–und ich hoffe, dass sich durch das Teilen von etwas, an das man glaubt, andere Menschen finden, die es ebenfalls mögen und Teil der Situation werden.
Vor allem aber: Es wird Spaß machen und laut sein. Es wird laut sein.