Petra Strahovnik
Sa. 07.02., 19:00 Uhr
Petra Strahovnik–im Gespräch mit Alexey Munipov
Kannst du uns die Geschichte hinter dieser Komposition erzählen? Wann und wie kam es dazu–und wie hast du entschieden, was du schreiben willst?
Die Idee war, Komponist*innen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens zusammenzubringen. Jeder von uns sollte sich auf eigene Weise mit dem Jugoslawienkrieg beschäftigen–oder mit seinen Folgen, oder damit, wie man sich diesem Thema als Künstler*in, als Komponist*in überhaupt nähern möchte.
Ich komme aus Slowenien, und der slowenische Krieg war sehr kurz und für Zivilisten nicht besonders schwer. Aber ich erinnere mich daran, wie als Fünfjährige Kampfflugzeuge über unser Dorf flogen. Später, während meiner Schulzeit, kamen viele Geflüchtete nach Slowenien, vor allem aus Bosnien. Wir hatten ein geflüchtetes Mädchen als Mitschülerin, und ich erinnere mich sehr genau an ihren Gesichtsausdruck. Als Kind kannst du nicht verstehen, warum so etwas passiert. Warum es überhaupt Krieg gibt. Du kannst das Gewicht dessen nicht begreifen. Keine sensible Seele kann wirklich begreifen, wozu wir Menschen fähig sind.
Als dieses Projekt entstand, lebte ich bereits in Den Haag. Ich habe viele Freund*innen und Kolleg*innen, die für das Jugoslawien-Tribunal gearbeitet haben–als Übersetzer*innen, Jurist*innen, Anwälte. Durch sie bin ich auf Zeugenaussagen von Opfern gestoßen, die unfassbare Dinge erlebt haben. Mein Stück basiert auf dem Text einer anonymen »Victim 87«. Sie erzählt ihre Geschichte einer Vergewaltigung während der Jugoslawienkriege, begangen von Offizieren in Bosnien.
Schon bevor ich diesen Text gefunden hatte, hatte ich ein Klangbild im Kopf: ein einziger, gedehnter Schrei des Entsetzens–dieses »Ich kann nicht glauben, dass das gerade passiert«, als Zivilist in einer Kriegszone. Dort ist alles fragil. Du öffnest die Tür–und es passiert dir. Du kannst es nicht glauben, aber es ist da. Ich wollte diesen gedehnten Moment des Horrors einfangen: die Vergewaltigung, das Eindringen in deine Privatsphäre, deinen Geist, deine Gefühle, deinen Körper. Es ist eine extrem gewaltsame Grenzüberschreitung. Ein traumatisches Erlebnis, das tiefe Wunden hinterlässt.
Um das zu erreichen, habe ich vokale Techniken verwendet, die man aus der Welt der Extreme-Metal-Sänger kennt. Es geht um diesen gedehnten, schrecklichen Zeitmoment, der nicht vergeht. Darauf lag mein Fokus.
Später schrieb ich ein Epilog zu SCREAdoM, mit dem Titel »The Voiceless–The Starving Children in War Zones«, der den Schmerz von Frauen sichtbar macht, die in Kriegszeiten sexualisierte Gewalt erlebt haben. UnScream richtet den Blick auf ein weiteres Verbrechen: das stille Leiden von Kindern, die in Konfliktzonen hungern. Im Kern steht eine Geste der Solidarität.
Die Stimmen, die du hörst–Schreie–wurden von Kindern, Jugendlichen und Studierenden aus ganz Europa gespendet. Sie verleihen jenen eine Stimme, die nicht mehr schreien können, deren Hunger mit Schweigen beantwortet wird. Das Werk ist roh, unmittelbar und emotional dringend. Es entstand als Reaktion auf die humanitäre Katastrophe in Gaza und anderen von Krieg zerstörten Regionen. Ausgelöst durch die menschengemachte Natur von Hungersnöten heute, wie sie von der WHO benannt und durch politische Entscheidungen geformt werden, und durch Versuche, kritische Stimmen wie die der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese zum Schweigen zu bringen, weigert sich dieses Werk wegzusehen. Es ist Klage und Protest zugleich. Ein klanglicher Hilferuf. Eine Erinnerung daran, dass wir als globale Gesellschaft unsere Verletzlichsten im Stich lassen. Mit tiefem Dank an alle, die ihre Stimmen geliehen haben, um für die Stimmlosen zu sprechen.
Hast du das Gefühl, dass deine Kindheitserinnerungen und die Erfahrung der 1990er-Jahre auf dem Balkan deine Identität als Künstlerin geprägt haben–auch wenn du den Krieg selbst nicht erlebt hast?
Auch wenn Slowenien nicht so stark betroffen war, hatte ich eine Mitschülerin, die ein echtes Kriegsopfer war. Ich hörte ihre Geschichte–und konnte nicht begreifen, wie so etwas möglich ist. Als Kind konnte ich es einfach nicht verstehen. Und ehrlich gesagt kann ich es bis heute nicht. Genauso wenig wie andere Gräueltaten–etwa das Verhungern von Menschen in Afrika.
Heute bin ich erwachsen und verstehe besser, wie die Welt funktioniert. Aber ich kann mich immer noch nicht damit abfinden, was wir als Menschheit zulassen.
Balkan Affairs‘ ist insofern einzigartig, als keiner der beteiligten Komponist*innen zuvor künstlerisch mit den Balkan-Kriegen der 1990er-Jahre gearbeitet hat–weder aus eigener Initiative noch auf Auftrag. Warum, glaubst du, ist dieses Thema so lange unangetastet geblieben?
Unsere Gesellschaft, unsere Eltern, unsere Gemeinschaft wiederholen immer wieder dasselbe: »Lasst die Vergangenheit ruhen. Rührt dieses Thema nicht an.« Niemand will diese Wunden wieder aufreißen. Es gibt viele schreckliche Geschichten, in denen niemals Gerechtigkeit hergestellt wurde. Menschen, die Kriegsverbrechen begangen haben, werden immer noch gefeiert. Und die Gesellschaft ist nach wie vor tief gespalten.
Ein Teil von uns möchte alles wegschieben und weitermachen. Ein anderer Teil wartet immer noch auf Gerechtigkeit. Wir müssen in den Spiegel schauen und unsere kollektiven Fehler eingestehen. Erst dann kann Frieden entstehen.
Aber es ist extrem schwierig, über diese Themen zu sprechen, ohne sofort als jemand wahrgenommen zu werden, der eine politische Seite einnimmt. Das beeinflusst immer noch, was du denkst und was du tust. Auf dem Balkan können ein paar mächtige Personen darüber entscheiden, ob du Aufträge bekommst oder überhaupt arbeiten kannst. Es ist sehr schwer, standhaft zu bleiben und eine eigene Stimme zu haben, wenn deine Zukunft als Künstler*in unsicher ist. Es ist schlicht nicht »sicher«, sich mit Konflikten zu beschäftigen–besonders mit politischen Themen. Da ist es einfacher, ein anderes Thema zu wählen.
Slowenien ist Teil der Europäischen Union und sollte Meinungsfreiheit und künstlerische Freiheit unterstützen. Aber in der Praxis sieht es anders aus. Es gibt immer noch mächtige Einzelpersonen, die Projekte blockieren können–oder dich als Künstler*in.
Wie war es, als ihr alle gemeinsam in einem Raum wart? Gab es Spannungen oder Unbehagen?
Ich hatte das Gefühl, dass zu Beginn alle ein wenig zurückhaltend waren. Niemand wollte sofort alle Karten offenlegen oder seine verletzlichste Seite zeigen. Natürlich haben wir unterschiedliche Sichtweisen und Erfahrungen–aber zumindest haben wir einander zugehört. Generell gibt es unter Komponist*innen selten Spannungen. Unsere Absichten sind aufrichtig: dieses Thema sichtbar zu machen, die Wahrheit zu wählen und Heilung zu ermöglichen.
Hast du dieses Stück mit deinen Eltern besprochen–und wie haben sie reagiert?
Meine Eltern kommen aus unterschiedlichen Regionen–wir haben über ihre Wahrnehmungen gesprochen. Aber sie wollten nicht öffentlich darüber sprechen. Und ich habe ein Familienmitglied, das sehr stark vom Krieg betroffen war–ich konnte ihn nicht um ein Interview bitten. Es ist extrem schwer, diejenige zu sein, die eine solche Wunde öffnet, ohne zu wissen, wie die betroffene Person reagieren wird.
Wie viel Zeit muss deiner Meinung nach nach einem Krieg vergehen, bevor Künstler*innen aus der Region anfangen können, damit zu arbeiten? Sind 25 Jahre realistisch–wie im Fall von ‚Balkan Affairs‘?
Der Konflikt ist immer noch nicht gelöst. Er ist längst nicht vorbei. Man spürt die Folgen weiterhin–besonders in Bosnien, Serbien und im Kosovo. In Slowenien leben etwa 340.000 Minderheitenangehörige aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie Italiener und Ungarer. Das ist sehr viel. Das Problem ist noch lebendig–die Spannungen haben sich nicht aufgelöst.
Als wir dieses Projekt 2023 uraufgeführt haben, fand in Ljubljana ein weiteres Festival statt. Soweit ich weiß, war es das erste Mal, dass Historiker*innen aus allen ehemaligen jugoslawischen Regionen gemeinsam eingeladen wurden, um miteinander zu sprechen.
Also: Es braucht Zeit. Sehr viel Zeit.