Editorial

Völlig losgelöst von allen pandemischen Unbequemlichkeiten und Ärgernissen, abgeklärt dem Wahren Schönen Guten verschriebenso sehr man sich das vielleicht wünscht, es ist leider völlig unrealistisch, nicht nur, weil die pandemische Situation nachhaltig in den veranstalterischen Alltag, in künstlerische und organisatorische Arbeitsabläufe eingreift, sondern weil das Sich-Einstellen-Müssen auf nie gekannte und niemals befürchtete Tatsachen, das Auf-Sich-Geworfen-Sein und mit sich selbst und den Nöten anderer konfrontiert zu sein, unmittelbar in die Kunst eingreift.

 

So liegt ein pandemisch geprägtes Festivalprogramm vor uns, noch dichter als sonst, weil einiges aus dem letzten Jahr noch gesagt werden musste, weil das künstlerische Ausdrucksbedürfnis angesichts bedrängender Weltereignisse groß ist, weil inhaltliche Weichenstellungen dramaturgische Ergänzungen eingefordert haben und nicht zuletzt, weil Künstler:innen im internationalen Festivalkontext eine andere Aufmerksamkeit zuteilwird als in singulären Projekten. Diese Ihre Aufmerksamkeit wollen wir natürlich ermöglichen.

 

Die künstlerischen Reaktionen auf diese herausfordernde Zeit sind denkbar unterschiedlich. Abendfüllende Werke lassen uns die Ausdehnung von Zeit nachvollziehen und lenken unsere Ohren gleichsam mit der Lupe auf kleinste Differenzen und Reibungen, fokussiert und konzentriert auf die Schönheit von Details. Andere Werke packen die technischen Errungenschaften der »neuen Realität« spielerisch beim Schopf und entführen uns in ein hybrid-digitales Abenteuer. Und es gibt Musik, die sich unberührt von der pandemischen Situation völlig selbstbezüglich entfaltet. Auch in diesem Jahr bildet das Festival somit eine große Vielfalt dessen ab, was aktuell in der Welt der Neuen Musik relevant, drängend oder fragend im Raum steht.

 

Wer unsere Arbeit in den letzten beiden Jahren verfolgt hat, konnte zwei Stränge als besonders prägend erleben. Zum einen der Auftrag, den unsere Kollegin und Freundin Maria Kalesnikava uns quasi übermittelt hat, nachdem wir im Sommer 2020 ihr charismatisches und powervolles Eintreten für Demokratie mit wachsender Hochachtung und Anteilnahme verfolgt und ihren zum Mythos gewordenen Entschluss betroffen akzeptiert haben, als Dissidentin im Gefängnis mehr für ihre Heimat zu bewirken denn als Musikerin in Stuttgart. Erneut richten wir also einen Fokus auf Belarus, laden belarusische Künstler:innen ein, mit den Mitteln der Musik, Lyrik, Visueller und Konzept-Kunst ein differenziertes Bild ihrer Situation zwischen Exil und Widerstand zu zeichnen. Die dramatischen Entwicklungen in Osteuropa lassen befürchten, dass wir wieder auf einen nachhaltigen Ost-West-Konflikt zusteuern. Umso wichtiger ist der Austausch auf zivilgesellschaftlicher Ebene, das Verstehen des Lebens in patriarchalisch und autokratisch geprägten Gesellschaften. Einen beeindruckenden Einblick gibt Sergej Shabohins Installation »Practises of Subordination« (Konzert 13), die ebenso enigmatisch wie aufschlussreich das Leben in der Diktatur beleuchtet und deren Bildsprache auch dieses Vorprogramm durchzieht.

 

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit sozialer Distanzierung und den digitalen Kommunikationsmitteln, die daraus erwachsen sind. So sind Formate entstanden, die die traditionelle Konzertform sicherlich dauerhaft ergänzen werden. ECLAT ’21 hat gezeigt, dass das Online-Veranstalten eigene Reize entwickeln und ein spannendes Festival hervorbringen kann. Wie wir das hoffentlich in unsere Säle strömende, Booster- und FFP2-bewehrte 2G+ Live-Publikum mit einem weltweiten Online-Publikum verbinden können, steht 2022 im Zentrum. Gemeinsam mit den Protagonist:innen des Festivals erfinden wir einen eigenständigen Bühnenraum für den Computerbildschirm, der die individuelle Aura jedes einzelnen Werks ins Digitale übersetzen soll. Mit besonderen Filmperspektiven, Text- und Video-Animationen, Collagen, hybriden und interaktiven Musiktheater-Formaten sollen spannende Konzertereignisse und ein informatives und kommunikatives ECLAT-Portal entstehen, das dem nahen und fernen Publikum ein anregendes Festivalerlebnis ermöglicht.

 

Diese hybride Verbindung der lokalen Konzerte mit ihrer aufwändigen Online-Präsentation wird uns durch die Förderung der Baden- Württemberg Stiftung ermöglicht, der wir hiermit ebenso herzlich danken wie allen im Innenteil des Programms erwähnten Förderern.

 

Es wird herausfordernd sein, das ganze komplexe Programm der sechs Festivaltage wahrzunehmen. Aber zum Glück haben wir nicht nur 21, sondern 42 Veranstaltungen, und die in Echtzeit gestreamten Konzerte werden noch einige Wochen »on demand« im Internet verfügbar sein. Entwickeln Sie also Ihre eigene Festivaldramaturgieund entscheiden Sie auch selbst, welchen Mengenrabatt Sie sich erlauben wollen, den wir Ihnen bislang immer durch Festivalpässe haben zukommen lassen, waswiederum der Pandemie geschuldetdieses Mal nicht sinnvoll ist.

 

Wir freuen uns auf Sie, wenn in wenigen Tagen der Vorhang in unserem Web-Portal und die Türen im Theaterhaus sich öffnen: Willkommen bei ECLAT 2022!

 

Ihre Christine Fischer Künstlerische Leitung und das gesamte Team von ECLAT

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Dienstag
01.02.

Mittwoch
02.02.

Donnerstag
03.02.

5
18:30
Theaterhaus, T3

Performing Precarity I

Auf dem Instrument zu brillieren, aber prekär zu leben: Darauf haben sich freischaffende Musiker:innen seit jeher eingelassen. Nun stellen die Künste das »Meisterhafte« aber immer mehr in Frage. Ein Projekt über das Prekäre als Formprinzip und darüber, die Kontrolle über die musikalische Situation abzugeben.

 

Werke von Carola Bauckholt & Elizabeth Hobbs ᵁᴬ, Simon Løffler, Laurence Crane, Lisa Streich
mit Ellen Ugelvik Klavier/Performance, Jennifer Torrence Schlagzeug/Performance, Anders Førisdal Performance

6
20:00
Theaterhaus, T1

Preisträger­konzert

zum Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart 2021

Drei Preisträger, drei unterschiedliche ästhetische Konzepte. Die »tönenden Fundstücke« des ersten Preisträgers Benjamin Scheuer, der mit diversen Spielzeugen und Klangobjekten Klänge nachzubilden versucht, sind dabei oft humorvoll, merkwürdig und voll von außermusikalischen Assoziationen.

 

Werke von Mikołaj Laskowski, Benjamin Scheuer und Francesco Ciurlo mit Kilian Herold Klarinette, Teodoro Anzellotti Akkordeon, Peter Veale Oboe, Ensemble Musikfabrik, Clement Power Leitung

7
22:30
Theaterhaus, T3

Performing Precarity II

Am Ende des Abends führt das Prekäre zu einer postapokalyptischen Situation: Traumsequenzen zwischen Konzert, Hörspiel, Musiktheater, Text, Modernismus-Nostalgie und Choreografie.

 

Trond Reinholdtsen: KEINE IDEEN. KEINE NEUE PERSPEKTIVE
für Ellen, Jennifer, Notfall-Instrumente, Geister, schwebende Instrumente, Text, Regen-Samples, modernistisch-nostalgisch-neoklassische Revival-Videodokumentation, den Blob, verschiedene Grade von Dunkelheit und Chor ᵁᴬ

Freitag
04.02.

9
18:00
Theaterhaus, T1

SWR2 JetztMusik

»Töne der Verzweiflung an einer stumpf-tumben Menschenwelt im Scheitern«: Ferro Canto, komponiert für die Donaueschinger Musiktage 1989, singt »von dem Manne, der mit schweren Holzstöcken auf eine Eisentrommel einschlug … und dervom Dämon der Erkenntnis gerittendennoch zum Aufbruch bläst.«

 

Werke von Saed Haddad ᵁᴬ, Ying Wang ᵁᴬ und Volker Heyn ᵁᴬ
Pedro Carneiro Vierteltonmarimba, SWR Symphonieorchester, SWR Experimentalstudio, Gregor Mayrhofer Leitung

11
22:30
Theaterhaus, T3

OOO-Intime

»Es ist wahrscheinlich an der Zeit, einen Atemzug zu nehmen, unsere innere Stille zu beobachten, tief auf die ‘gegenwärtigen‘ Stimmen zu hören«, sagt Liping Ting, die sich live aus Taipeh (Taiwan) mit den Musikern in Stuttgart zu einer wunderbar poetischen Performance verbindet.

 

Hybride Performance für Performerin, Oboe, Violoncello, Synthesizer & Video mit Liping Ting Stimme / Performance (live gestreamt aus Taiwan), Simon Strasser Oboe, Mathis Mayr Violoncello, Ernst Surberg Synthesizer

Samstag
05.02.

13
14:30
MDJ, P1

Practises of Subordination

Aus Text, Bildern, Fotos und Objekten formulierte der Künstler Sergey Shabohin eine ergreifende Erzählung über die staatlichen Strukturen, die die Bürger in Belarus unter Druck setzen. Musikalisch kommentiert von Christoph Ogiermann, werden die »Practises  of Subordination« für uns entschlüsselt von Lena Prents. Valzhyna Mort spricht mit dem Georg-Büchner-Preisträger Jan Wagner über ihren Gedichtband »Musik für die Toten und Auferstandenen«, aus dem Oxana Omelchuk das Gedicht »Music for Girls Voice and Bison« musikalisch interpretiert.

14
18:00
Theaterhaus, T3

Zurück in der Zukunft

Ihr beeindruckendes Arsenal an analogen Keyboards setzen Uli Löffler und Hannah Weirich »dem innovativen Geist der gegenwärtigen Komponistengeneration aus« und lassen die vormals futuristischen Instrumente eine gar nicht nostalgische Renaissance erleben.

 

Werke von Dariya Maminova, Eivind Buene, Oxana Omelchuk ᵁᴬ, Milica Djordjević ᵁᴬ, Gordon Kampe mit Hannah Weirich Violine/E-Violine, Ulrich Löffler Minimoog, Behringer 2600 Synthesizer, Yamaha YC-30 Orgel, Hohner Clavinet, Philicorda, Hohner String Melody

15
20:00
Theaterhaus, T2

HYPHEMIND

Musiktheater hybrid ᵁᴬ

Um unsere Verstrickungen in globale Strukturen zu verstehen, gehen die Akteur:innen in die Pilze. Mit ihrer Hypothese, dass die skurrile Welt der Hyphen und Mycelien das Vorbild für eine bessere Welt sein könnte, verwickeln sie auch das digitale Publikum in ein abenteuerliches hybrides Spiel.

 

Andreas Eduardo Frank Komposition, Matthias Rebstock Regie/Libretto, Sabine Hilscher Bühne / Kostüme, alisch berlec hönow Grafikdesign, Miguel Ángel García Martín Perkussion / Objekte , Neue Vocalsolisten

16
22:00
Theaterhaus, Sporthalle

POÈME MAUDIT

Als wäre sie eine Figur mit tausend Gesichtern: Dank der unzähligen Möglichkeiten der Gitarre (mikrotonal, agil, resonant, perkussiv, spektral, rhythmisch, harmonisch, melodisch) formt Fuentes ein gigantisches Instrument, das »über einem großen labyrinthischen Klangraum schwebt«.

 

Poème Maudit für mikrotonales Gitarrenquartett & Gitarrenensemble ᵁᴬ
Arturo Fuentes Komposition/Regie/Licht, aleph Gitarrenquartett, Jugend-Gitarrenorchester Baden-Württemberg

Sonntag
06.02.

19
17:00
Theaterhaus, T3

LIMBO

Die fünf inszenierten Song-Zyklen für eine sich selbst begleitende Performerin enthüllen verschiedene psychische Zustände des Dazwischen-Seins, spielen auf die pandemische Abgeschlossenheit an, aber auch auf die Isolation einer Widerstandskämpferin in ihrer Gefängniszelle. Für Maria Kalesnikava.

 

Liedzyklen von Sven Ingo Koch ᵁᴬ, Ying Wang ᵁᴬ, Agata Zubel ᵁᴬ, Alla Zagaykevich ᵁᴬ, Maxim Shalygin mit Viktoriia Vitrenko Stimme / Klavier, Titus Selge szenische Beratung

20
19:15
Theaterhaus, T1

SWR2 JetztMusik

Corona-bedingt musste das SWR Vokalensemble seine Teilnahme an ECLAT leider absagen. Die Solist:innen dieses Konzerts haben daraufhin ein kammermusikalisch besetztes Alternativprogramm entwickelt und stellen den beiden Uraufführungen für Posaunenquartett den Nukleus des ursprünglich geplanten Chorwerks von Valerio Sannicandro, »Visio« für drei Violen, gegenüber. In drei Solowerken für Stimme gibt uns die Obertonsängerin Anna-Maria Hefele die Gelegenheit, das Phänomen des polyphonen Obertongesangs zu entdecken.