Ying Wang
So. 08.02., 18:00 Uhr
HOFFNUNG?
Dieses Jahr war geprägt von einem außergewöhnlichen Verlust an Optimismus, den wir in fast allem, was uns umgibt, beobachten können. Selbst im Vergleich zum letzten Jahr fällt auf, dass immer mehr Menschen ein Gefühl der Ohnmacht verspüren und mit Angst in die Zukunft blicken, weil sie glauben, nichts ändern zu können. Dies betrifft auch Menschen aus dem Kunstbereich. Gleichzeitig sollte sich die Kunst fragen, wie sie diesen Zustand überwinden und darauf reagieren kann.
Wir haben die Komponisten von ECLAT 2026 gebeten, über folgende Fragen nachzudenken:
🔹 Ist Musik ein Mittel, um etwas in der Welt zu verändern–wenn auch nur in geringem Maße?
🔹 Kann Musik zumindest ein emotionaler Zufluchtsort für die Zuhörer sein?
🔹 Oder ist Musik vor allem ein Mittel zur Reflexion?
🔹 Ist Musik in der Lage, die Zeit, in der wir leben, einzufangen bzw. wiederzugeben? Oder ist sie etwas Separates–zeitlos, jenseits des Augenblicks und vielleicht sogar im Gegensatz dazu? Wie stehen Sie selbst dazu und wie spiegelt sich das in der Musik wider, die Sie dieses Jahr bei ECLAT präsentieren?
»Kann Musik die Welt verändern?
Ich bin mir nicht sicher, ob sie Systeme verändern kann, aber ich bin mir sicher, dass sie unsere Wahrnehmung der Welt verändern kann.
In einer Zeit, die von Algorithmen und Effizienz beherrscht wird, erinnert uns Live-Musik daran, dass Körper präsent sind, Zeit geteilt wird und dieser Moment nicht wiederholt werden kann.
Musik ist nicht immer ein Zufluchtsort.
Manchmal verstärkt sie Unbehagen oder Unsicherheit.
Aber in dieser Resonanz fühlen sich die Menschen anerkannt.
Für mich gehört Musik zu ihrer Zeit und widersetzt sich ihr gleichzeitig.
Sie ist keine Flucht aus der Realität, sondern eine Möglichkeit, der Welt, in der wir leben, tiefer zuzuhören.« Ying Wang
»Kann Musik die Welt verändern–wenn auch nur in geringem Maße? Ich gehe dieser Frage mit vorsichtigem Optimismus nach. Zwar verändert Musik nicht direkt politische Systeme oder soziale Strukturen, aber sie kann unsere Wahrnehmung der Welt tiefgreifend verändern. Und Veränderungen der Wahrnehmung sind oft die dauerhafteste und grundlegendste Form der Veränderung.
In einer Zeit, die zunehmend von Algorithmen, Effizienz und Automatisierung geprägt ist, bekräftigt Musik–insbesondere Live-Musik–die Präsenz des Körpers, die Realität der gemeinsamen Zeit und die Unverkürzbarkeit menschlicher Begegnungen. Diese Erinnerung, so subtil sie auch sein mag, stellt bereits einen bedeutenden Eingriff dar.
Kann Musik zumindest ein emotionaler Zufluchtsort für Zuhörer sein? Ich spreche in diesem Zusammenhang lieber von Resonanz oder affektiver Übertragung als von einem »Zufluchtsort«. Musik hat nicht immer eine beruhigende Wirkung; sie kann auch Unbehagen, Melancholie oder Unsicherheit verstärken. Doch gerade durch diese Verstärkung können Zuhörer eine Form der Anerkennung erfahren: das Gefühl, dass ihre inneren Zustände wahrgenommen und nicht ignoriert werden.
Für mich findet das Hören immer auf zwei Ebenen statt: rational und emotional. Musik kann analysiert, strukturiert und zerlegt werden, aber sie kann auch dem Körper anvertraut und direkt aufgenommen werden. In diesem Sinne ist Musik also keine Flucht aus der Realität, sondern eine tiefere Art, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Ist Musik also vor allem eine Form der Reflexion? Dem würde ich zustimmen, allerdings unter einer wichtigen Voraussetzung: Reflexion geschieht nicht automatisch. Sie erfordert die Bereitschaft zum Zuhören. Musik liefert keine Antworten, sondern schafft Situationen–zeitliche und wahrnehmungsbezogene Bedingungen –, in denen Reflexion möglich wird.
Für den Komponisten ist Musik eine Form des Denkens. Für den Zuhörer wird sie jedoch erst dann zur Reflexion, wenn er sich entscheidet, in den von der Musik eröffneten Raum und die Zeit einzutreten.
Ist Musik in der Lage, die Zeit, in der wir leben, einzufangen oder widerzuspiegeln? Oder ist sie etwas Separates–zeitlos, jenseits des Augenblicks, vielleicht sogar im Gegensatz dazu? Ich sehe das nicht als Entweder-oder-Frage. Musik wird unweigerlich von ihrer Zeit geprägt: Technologien, soziale Strukturen und Machtverhältnisse hinterlassen Spuren in ihr. Gleichzeitig kann Musik eine kritische Distanz zur Gegenwart wahren, sie kann sogar Reibung oder Widerstand gegen sie erzeugen.
In dieser Spannung gewinnt Musik zeitliche Tiefe. Sie gehört zum Moment ihrer Entstehung, ist aber nicht durch diesen Moment erschöpft. Musik ist keine zeitlose Sache, sondern eine zeitbasierte Erfahrung, die in verschiedenen historischen Kontexten reaktiviert, neu interpretiert und neu gehört werden kann.«
YW. 25.01.26