Nikolaus Brass: Chorszenen für ein Musiktheater II
Der Beginn der Arbeit zu den Chorszenen II fiel ins Frühjahr 2023, in eine Zeit, in der seit einem Jahr in Europa Krieg herrschte und der 7. Oktober 2023 noch nicht geschehen war. Er war die erste Zeit nach der Zeitenwende, die Zeit einer Verdüsterung, einer Verengung, die Zeit, in der etwas zu Ende gekommen war und man nicht wissen konnte, aber befürchten musste, was alles Grausiges dieser Zeitenwende noch entspringen würde. Was die Zeitenwende als erstes brachte: die Unruhe einer allgemeinen inneren Militarisierung, die dann der äußeren die Bahn bereitete.
Chor–Masse–Macht
Vor diesem Hintergund war ich beschäftigt, für die Konstellation Chor ein, wie ich es für mich nannte, »musikalisches Bild der Wirklichkeit« zu finden. Und bald war RUMOR eines der möglichen Titelworte, die Unruhe, und fama, das Gerücht. Dazu die »Träume«, in denen die »Bilder einer Wirklichkeit« schon vorhanden sind, bevor sie selbst eintritt. Zuletzt und nachdem die Arbeit an der Komposition schon fortgeschritten war, kamen die Worte Tod und Täuschung wie eine Formulierung des Resultats dieses Zeitzustands in mein Bewusstsein: Dass das, was gerade geschieht, auf nichts anderes hinausläuft und aus nichts anderem besteht als aus Tod und Täuschung.
Männer gegen Frauen–Alle gegen einen–Täuschung gegen Wahrheit
In der textlosen Komposition (die ich mir immer auch als Szene eines mir unbekannten Rituals vorstellte) sind die Übergänge der Konturen urtümlicher sozialer Konstellationen angedeutet: zunächst scheint es durchaus die Realität des Zusammengesetzten gegenstrebigen Gesanges zu geben, die aber immer der Bedrohung bzw. den Verlockungen durch Vereinheitlichung und Entdifferenzierung ausgesetzt bliebt. Im andern Extrem verschwimmen die Stimmen des Chors in eine anonyme gesichtslose Masse, deren scheinbare Autorität gerade nicht mehr in der Einzelstimme, sondern in deren Auslöschung zu massierter Anonymität begründet liegt.
(Nikolaus Brass, Dezember 2025)