Kirsten Reese: Future Forest
Raumkomposition in 12 Szenen
für Ensemble, Elektronik und Text-Projektion
(2025)I Rauschen
II Uniwald Mathislewald
III Solling Monitoring-Rekorder
IV Ein Morgen im März
V Mathislewald Monitoring
VI Allmende–Moos–Kaiserstuhl
VII Waldstruktur
VIII Nacht
IX Schorfheide–ADI und SMI
X Mähderklinge
XI Böden, Bäume
XII Schorfheide–Fragen
Die Komposition »Future Forest« entstand in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Recherche und dem SWR Experimentalstudio sowie in enger Kollaboration mit der Biologin und Ökoakustikerin Dr. Sandra Müller von der Universität Freiburg. »Future Forest« nennt sich auch ein Forschungsverbund an der Universität Freiburg, der neuartige Beiträge zur Konzeptualisierung und Analyse von Wäldern als sozial-ökologische Systeme entwickelt.
Ökoakustik hat sich als eigenständige Forschungsrichtung seit den 2010er Jahren etabliert, die ökologische Zusammenhänge über akustische Methoden untersucht und dabei Erkenntnisse aus Ökologie, Verhaltensforschung, Bio- und Psychoakustik verbindet.
Die Komposition besteht einerseits aus den verdichteten field recordings von Tages-Exkursionen, die Sandra Müller und ich in unterschiedlichen Jahreszeiten zu Forschungsarealen der Universität Freiburg vor allem im Schwarzwald unternahmen.
Von dort stammen auch Aufnahmen mit Spezialmikrofonen: Hydrofonen und Erdsensoren. Zum anderen verwendet Future Forest Langzeitaufnahmen von Rekordern, die über Monate und Jahre alle 10 Minuten 1 Minute aufzeichnen, aus Forschungsarealen der Uni Freiburg im Schwarzwald, im Solling und in der Schorfheide.
Das musikalische Material der Instrumente entwickelte ich durch Aufspüren und Herauslesen von Tonhöhen, Harmonien, Rhythmen in den Aufnahmen über verschiedene Software/Algoritmen oder über für mein Ohr wahrnehmbare Tonhöhen und Klanggesten, durch Sonifikation von Forschungsdaten sowie über Methoden imaginativer Nachahmung in Sessions mit den Musiker:innen des Ensemble Recherche. Es gab also vielfältige Übersetzungsprozesse und deren kompositorische Fortspinnung.
Imitation und Übersetzung erfordern aufmerksames Zuhören und verstärken dies wieder. Bei den Exkursionen, aber auch im vielfachen Nachhören der Aufnahmen wird man aufmerksam dafür, wie Tonhöhen verschiedener Laute und Klänge im Wald korrespondieren, wie Rufe und Gesänge rhythmisch strukturiert sind oder wie alle Klänge–etwa Wind- und Blätterrauschen–sich wiederholen und gleichzeitig variieren.
Eine Annäherung an die Klänge aus der Natur findet über Technologie statt–manche Klänge können nur über Technologie hörbar gemacht werden–und über die instrumentalen Klänge, produziert von hochspezialisierten Spieler:innen. Über ihre ausgefeilte Instrumentaltechnik und gemeinsam gefundene, passende erweiterte Spieltechniken entstehen ’naturnahe‘ kreatürliche Stimmen und Ausdrucksweisen–das Suchen mimetischer Klanggestalten bringt auch die individuellen Ausdrucksweisen der Musiker:innen an ihren Instrumenten zum Vorschein. Zudem werden ie bei den Audioaufnahmen mit speziellen Mikrofonen Klänge der Instrumente durch eine spezifische Mikrofonierung hervorgehoben.
Mich interessierten die Zusammenhänge von Übersetzung und Nachahmung zwischen maschineller Erfassung, Instrumentaltechnik als menschenvermittelter Kulturtechnik und menschlichem Ausdruck.
Wie klingt der Wald? Der Wald rauscht (Wind) und zwitschert (Vögel), plätschert und tropft (Regen und Wasserläufe). Die meisten Wald-Soundscapes sind nicht spektakulär, aber vielfältig.
Die Komposition lädt durch das Zusammenstellen spezifischer Klangräume zum genauen Zuhören ein: durch Hinwendung und Aufmerksamkeit wird das Kleine groß, und Unhörbares wahrnehmbar. Über Fokussierung, Differenzierung, Spiegelung sowie Anreicherung über die instrumentalen Stimmen erfahren die Soundscapes/Aufnahmen eine poetische Transformation. Die wissenschaftliche Perspektive, der interdisziplinäre Austausch zwischen Kunstler:in und Naturwissenschaftler:in, fließt über den projizierten Text ein. Die Komposition eruiert Fragen, die sich Künstler:innen und Wissenschaftler:innen und letztendlich das Publikum gleichermaßen stellen: was bedeutet uns der Wald (die Natur), können wir von adaptiven Prozessen und Resilienz ökologischer Gemeinschaften lernen, (wie) können (müssen) wir den Wald schützen, welche Rolle spielt Kunst in unserem Verhältnis zu Natur.
(Kirsten Reese)