Oxana Omelchuk: In ruhig festem Tritt
Die lebhaftesten Erinnerungen meiner Kindheit sind jene an die Pionier-Sommerlager: Orte voller Sonne, frischer Luft und Abenteuer, aber zugleich geprägt von einer ideologisch geformten Erziehung. Zu deren festen Bestandteilen gehörten die Sprechchöre–Речёвки, Chants, Schlachtrufe, Slogans –, unvermeidliche Begleiter politischer Propaganda.
Wir marschierten immer und überall: singend auf dem Weg zum Essen, zum Spielen, zur Arbeit, ja selbst auf dem Weg zum Schlafen. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich bei mir eine ambivalente Beziehung zur Gattung des Marsches–eine Art Hassliebe. Vielleicht war es genau dieses zwiespältige Gefühl, das in mir den Wunsch weckte, diese Spannung in meinem aktuellen Stück zu verarbeiten.
Zugleich verspüre ich–und vermutlich nicht nur ich–ein bedrückendes Gefühl angesichts der Entwicklungen in meinem Land, als würde sich die Zeit zurückdrehen. Es gibt sie wieder, die »militärischen und patriotischen« Kindervereine, in denen Schießtraining und der Umgang mit Protestierenden geübt werden.
In diesem Zusammenhang wurde Bertolt Brechts Gedicht »Der Kälbermarsch« (1933) zu einem wichtigen Bezugspunkt des Werkes. Die bissige Parodie auf das nationalsozialistische Horst-Wessel-Lied diente als inhaltliche Grundlage für die Komposition.
(Oxana Omelchuk)