One line

Liavon Schwir: madrigal

für Altsaxophon, verstärktes Cello und Synthesizer

Es ist kein Madrigal für Gesangsstimmen; es ist kein Madrigal im ursprünglichen Sinne, als Lied in der Muttersprache (d. h. »matricalis«in der Sprache der Mutter); letztendlich ist es kein Madrigal im Sinne der Raffinesse des alten Madrigals, seiner Affektiertheit, seiner Ästhetik; nach Magritte: »Ceci n’est pas une pipe«, obwohl es eine Pfeife gibt, und es ist eine Pfeife, und es gibt ein Madrigal, und es ist ein Madrigal.

Es ist ein Madrigal im Sinne von uns allen: die Sprache der Klänge, die wir überall hören, die Sprache der Geräusche, die Sprache des Wohlklangs.

 

Es ist ein Madrigal, wenn es um die Hauptthemen des Madrigals gehtdie Liebe. Es ist ein Madrigal über die Liebe. Unbekannt, unverständlich, still, ohne jegliche Darstellung. Diese Liebe in ihrer Unausgeglichenheit wird durch die Klangkomplexe dieses Madrigals vermittelt, die ebenso zerbrechlich, leise und in der Zeit wandernd sind wie die Zustände der Liebe in all ihren Bedeutungen: Ludus, Storge, Eros. Die durch diese Komplexe dargestellte Liebe wird für jeden individuell sein, entsprechend seinem Bewusstsein für Fragen der Liebe.

 

Die gesamte Komposition besteht, wie ich bereits sagte, aus sich wiederholenden Klangkomplexen desselben Typs. Die drei Interpreten nehmen sie zufällig auf, streben nach Desynchronisation, versuchen, ihre eigenen Parts auf ihre Weise zu interpretieren und setzen sich selbst Grenzen der Freiheit. Im Ergebnis bildet dies das Gewebe der Kompositionzerbrechlich, flüchtig, monochromatisch, aber vielfarbig. Die Stimmung jeder Schicht schwankt aufgrund innerer Veränderungen. So verändert sich die Farbpalette dieser Stimmungenvon ruhig bis unbeständig, aber innerhalb eines Farbtons.

Es ist ein Madrigal über die gewohnten, ersten, natürlichen Zustände.

Es ist ein Madrigal darüber, dass es schwierig ist, etwas mit Worten auszudrücken, und man sich der Klänge und Farben bedienen muss…

(Liavon Schwir)