One line

Hans Thomalla: Nachtmusik

für Ensemble im Raum und Licht

(2025)

Nachtmusik ist eine musikalische Erkundung der Nacht sowie der geschärften Kontraste, die damit einhergehenNacht nicht nur als Zeit der stillen Ruhe zwischen Wachsein, Traum und Schlaf, sondern auch als ein Zustand der Verletzbarkeit, des Ausgesetztseins, der Albträume und der Gewalt. Auch wenn Nachtmusik die unmittelbarewenn nicht sogar intimeErfahrung von Stille und Dunkelheit hervorhebt, so ist die Analogie zu den »Dunklen Zeiten«, in die sich unsere Gesellschaft zunehmend zu verlieren scheint, zu den immer schärfer werdenden Widersprüchen und sozialen Ungleichheiten nicht zu verkennen.

 

Das Stück beginnt mit einer fast meditativen Ruhe. Musikalische Allgemeinplätze, bestehend aus sanften Skalen, deren Echos leise durchs Ensemble wandern, und aus kleinen, scheinbar gesichtslosen Motiven, stehen leisem, fast kreatürlichem Kreischen und Quietschen gegenüber. Die Klänge scheinen zuerst fast banal, nehmen aber in ihrer Entwicklung hin zu immer deutlicheren musikalischen Gestalten zunehmend Kontur an.

Der zweite Satz steht in einem dramatischen Kontrast zum ersten. Er beginnt mit einem Block dröhnenden Lärms, durch den nur allmählich musikalische Erinnerungsbilder hindurchscheinen. Sind deren Motive zuerst fast vollkommen übertönt, so treten sie zunehmend in den Vordergrund der Textur, um aber in der langsamen Entfaltung des Satzes dann selbst schließlich in eine ganz eigene Form von Gewalt zu kippen.

 

Die Musiker von Nachtmusik sind im Aufführungssaal verteilt und ermöglichen so dem zwischen ihnen sitzenden Publikum eine über ein normales Konzerterlebnis weit hinaus gehende Versenkung in das Klanggeschehen. Es ist der Versuch, ein »Environment«, eine klangliche Umgebung zu schaffen, in der die akustische Wahrnehmung des Raumes zum wesentlichen Teil der Hörerfahrung wird, und bei dem die traditionell linear von der Bühne »herunter« zum Publikum gerichtete Spielweise ersetzt wird durch eine akustische Situation, in der das Publikum sich mitten im Klanggeschehen befindet.

 

Das Stück ist dem Team der Deutschen Akademie Villa Massimo gewidmetJulia Draganovic, Sebastian Springfeld, Julia Trolp, Thomas Höhne, Allegra Giorgolo, Ornella Aiello, Barbara De Santis, Floriana Donati, Esther Haentjes, Dennis Päschel, Agnese Picari, Annalisa Piersanti, Rosa Colucci, Ramona Iacovino, Alessandro Luzzi, Teofil Julian Lefter, Alessandro Gargiulo, deren Fähigkeit, einen Ort und eine Gemeinschaft für ungehemmte Kreativität und künstlerische Konzentration zu schaffen, es mir ermöglichte, Nachtmusik während meines Jahres in Rom zu schreiben.

(Hans Thomalla)